Seit einigen Jahren versuche ich, einen Artikel über Rumänien zu schreiben. Ich fange immer an, schreibe ein paar Zeilen und stelle fest, dass sich das Ganze viel zu pessimistisch anhört. Dann rede ich mir ein, dass die Realität nicht so düster aussehen kann. Dass ich als Ausgewanderte nicht verstehe, wie die Menschen ticken. Wenn ich aber im Land bin, spreche ich mit Verwandten, Freunden, Bekannten. Die Einzigen, die einigermaßen zufrieden sind, sind diejenigen, die bewusst keine Nachrichten hören, sich von der Welt abschotten und nur noch das beachten, was sie direkt betrifft.

Alle anderen sind unzufrieden. Mit der wirtschaftlichen Situation des Landes, mit der Korruption und der Ungerechtigkeit. Damit, dass man mit ehrlicher Arbeit kaum über die Runden kommt, während andere mit Lamborghinis durch die Innenstädte kriechen (schneller könnten sie wegen dem Verkehr und den Gruben nicht fahren). Reichtum wird gern zur Schau gestellt, notfalls kiloweise mit Goldketten und Armbänder.

Seit der Revolution und dem Sturz von Ceausescu ’89 wurden um die 80km Autobahn gebaut. Insgesamt verfügt Rumänien heute über ca. 300km Autobahn, bei 21 Millionen Einwohnern. Ansonsten fährt man, zusammen mit Karren, Motorrädern und Hunden auf zweispurigen Straßen. Die Beschilderung fehlt entweder völlig oder ist absichtlich hirnrissig plaziert. Why? Naja hinter dem nächsten Busch wartet ein Polizeiauto mit freundlichen Beamten, die ungern Quittungen für die Strafen rausgeben…

Was ist das denn für ein Rechtsstaat, in dem Menschen halb totgeprügelt werden, aber die Schläger nie angeklagt werden, weil die Strafen einfach lächerlich sind? Für bestimmte Leute gelten bestimmte Gesetze. Mit einem dicken Geldbeutel und genug Kontakten kommt man mit fast allem weg. Bestes Beispiel: Ein Arzt fährt betrunken in Temeschburg zwei Menschen auf dem Gehweg tot und begeht dann Fahrerflucht. Es gab genug Zeugen, die ihn in seinem Ferrari gesehen haben und ihn hätten identifizieren können, aber keiner hat sich getraut auszusagen.
Und dann muss ich heimfahren und mir von einem Kumpel anhören, wie er von vier Spacken zusammengeschlagen wurde, weil er „lange Haare hat und somit ein Satanist sein muss“. Die haben den dann einfach auf der Straße liegen lassen. Folgen? Permanentes Humpeln und Schielen.

Wenn man dann erst mal krank ist, stehen die Sterne wieder nur für diejenigen gut, die genug Geld haben, weil sie sich Privatkliniken leisten können. Die Restlichen sind auf ein Gesundheitssystem angewiesen, in dem sie sich die eigenen Bandagen, Medikamente und Essen von zu Hause ans Krankenbett bringen lassen müssen. Ohne kleine „Aufmerksamkeiten“, in Form einer schönen Flasche Whisky oder einem Päckchen Kaffee, schauen einen die Ärzte und Krankenschwestern nicht mal an… Aber hey, macht euch nicht allzu viele Gedanken, schließlich ist jeder Bürger zumindest theoretisch krankenversichert!
Die Realität sieht mal wieder anders aus. Eine Freundin hat mir erzählt, wie sie als Studentin im Krankenhaus nicht behandelt wurde, weil sie die umgerechnet 80€ einfach nicht auftreiben konnte. Sie durfte dann drei Wochen lang durch Bukarest humpeln, bis sie endlich von einem „Studentenarzt“ behandelt wurde, der kein zusätzliches Geld verlangte. Da war es aber auch schon zu spät für einen Gips, jetzt hilft ihr nur noch eine OP…

Die politische Klasse des Landes besteht aus lauter Menschen, die bereits reich sind und nur noch reicher werden wollen. Ohne Geld kommt man nämlich in der Politik nicht weit, aber wenn man genug Kohle hat und der richtigen Partei angehört, stehen einem die höchsten Machtkreise offen. Der Gesundheitsminister des Landes, Ion Bazac, war beispielsweise auch der Vorsitzende von Ferrari Rumänien.

Das sicherste Zeichen dafür, dass irgendwas schief laufen muss, sind eigentlich die hohen Auswandererzahlen. Viele gehen nach Italien oder Spanien um Erdbeeren und Tomaten zu pflücken, einfach weil sie, trotz Uniabschluss, damit mehr Geld verdienen als in Rumänien. Inzwischen ist es leider auch Gang und Gebe zwei oder mehr Unis zu „besuchen“. Wie das funktioniert? Ganz einfach. Privatunis gibt es für fast jeden Geldbeutel, die Preise um eine Prüfung zu bestehen hängen vom jeweiligen Traumberuf ab. Es ist sogar vorgekommen, dass Chirurgen eingestellt wurden und vor dem OP Tisch standen ohne die geringste Ahnung von Medizin. Das Schulsystem an sich wird jedes Jahr reformiert, mit der Folge, dass es von eins der Besten Euopas auf den letzten Plätzen heute abgesunken ist.

Die einzigen, die nicht zugeben wollen, dass der Haussegen im Land schief hängt, sind die hardcore Patrioten. Mit der kleinsten Kritik stößt man da auf Granit, weil bekanntlich Rumänien das beste Land der Welt ist, mit dem Besten Präsidenten und der schönsten Landschaft und mit einer glorreichen Geschichte und Zukunft. Zugegben, es ist gar nicht zu schwer dem blinden Patriotismus zu verfallen, er wird vom Kindergarten an erst langsam tropfenweise mit Liedern und dann immer extremer mit verzerrten Geschichtsdarstellungen in der Schule, jedem schön eingehämmert.

Und dann frag ich mich WARUM? Sind wir als Volk einfach so bekloppt und schaffen es nicht, einen demokratischen Staat aufrecht zu erhalten, der wenigstens eingermaßen gerecht ist, zu allen Teilen der Bevölkerung? Die Bevölkerung lässt sich von Piranhas regieren, die seit der Revoution ’89 immer fetter geworden sind. Vom Kommunismus hat sich das Land, ohne jegliche Erfahrung, in den tiefsten Kapitalismus gestürzt… Dabei rausgekommen sind ein paar wenige Reiche und viele Arme.

Gerade braut sich aber etwas in Rumänien zusammen. Die Finanzkrise wurde lange von der Regierung dementiert, obwohl sie im Rest der Welt im vollem Gange war. Erst als die Staatskassen wirklich leer waren und Geld vom IWF geliehen werden musste, trat der Präsident (= eine arschlöchige Version von Popeye) im Fernsehen auf und verkündete ganz überrascht, dass der Staat ohne weitere Kredite pleite gehen würde. Seit damals ist inzwischen ein halbes Jahr vergangen und Rumänien benötigt einen neuen Kredit, wenn sie nicht bankrott gehen will.

Was würden normal denkende Menschen mit einem Gehirn in einer solchen Situation denn tun? Sicherlich irgendwelche Reformen durchführen? Das setzt aber ein gewisses Grundverständnis von Ökonomie voraus… Das Einzige, was gerade getan wird, sind Gehaltskürzungen bei den Beamten. Inzwischen ist es sogar so weit, dass die Polizei öffentlich auf den Straßen Bukarests streikt, zusammen mit Krankenhausmitarbeitern, Lehrern und anderen Beamten. Die Regierung versucht sie so gut wie möglich zu ignorieren, noch sind die Demonstranten auch noch relativ friedlich. Mit dem aufkommenden Winter werden sich die 25% weniger Gehalt noch deutlicher bemerkbar machen. Und damit die Demonstrationen. Die Menschen sind wütend, weil sie ihre Familien einfach nicht mehr ernähren können. Wenn dann die Polizei auf Seiten der Demonstranten steht und die Demonstrationen ausarten, sieht es nicht wirklich rosig aus, weder für aktuelle Regierung noch für Rumänien.

Und wenn du bis hierhin alles gelesen hast, kriegst nen keks